Autor Jörg Helbig

Mit HiFi hatte ich nichts mehr am Hut. Nicht mehr. Vor ca. 15 Jahren war ich des Themas überdrüssig, zu abgefahren der Aufwand und das Kapital, was darin gebunden ist. Es gibt Wichtigeres! Ich hab damals meine komplett ausgebaute HighEnd Anlage versilbert, von dem Erlös ne Harley gekauft und bin auf dem Highway in Richtung untergehende Sonne entschwunden…

Portrait Jörg Helbig

Ok, der letzte Teil ist frei erfunden, aber bis zur Harley stimmts. Mich hat damals interessiert, dass Aktiv-Monitore aus dem Studiobereich durch China-Produktion in derart günstige Preisregionen abrutschten, und diese Lautsprecher zusammen mit einem ordentlichen Audio-Interface, die auch immer günstiger und leistungsfähiger wurden, in Kooperation mit ordentlich digitalisierter Musik und einem Computerprogramm zur Wiedergabe eine Qualität boten, die scheinbar fast an meine Anlage heranreichten, sagen wir so 80 %. Dachte ich.

Das alles zu einem Bruchteil der Kosten. Von da an hab ich über 10 Jahre lang nur noch mit professionellen Abhörmonitoren (dann doch deutlich teureren!) und recht schnell mit höherwertigem Studio-Equipment Musik gehört. Die fehlenden 20 % von oben hab ich irgendwann vergessen, auch wenn ich bei meiner Hörumgebung und Ausrüstung ständig am Optimieren und auf der Suche nach irgendetwas war, was ich unterbewusst vermisst hatte. Bis ich wachgeküsst wurde …

Die Erweckung geschah, als ich für einen guten Freund einen alten Plattenspieler, einen Kellerfund, bei einem amerikanischen Gebrauchtwarenhändler feilbieten sollte. Um das Gerät anständig beschreiben zu können, war ein Funktionstest vonnöten.

Aber wie ohne herkömmliche Anlage? Also hab ich das Signalkabel in die Mikrofoneingänge meines Universal Audio Interfaces geschubst, ordentlich aufgerissen, und mir in Logic (Musikproduktionssoftware von Apple) im Equalizer so etwas wie eine RIAA Kurve gebastelt. Fragmente meiner recht umfangreichen Vinyl-Sammlung hatten die dunkle Zeit überstanden und, obwohl das nun wirklich kein guter Plattenspieler war, und meine RIAA Kurven-Anpassung höchst grob gezimmert war, hat mich schon die erste Platte umgehauen.

Nicht, weil das highendig geklungen hat, aber in dieser analogen Konserve lag irgendwie eine Ruhe, Relaxtheit. Mir fiel auf, selbst über diese mehr als unterdurchschnittliche Kette konnte ich mich beim Musikhören mehr entspannen als sonst, hat mich die Musik anders angesprochen.

Das Ereignis hat mich infiziert. Wieder. Da war irgendwie ein anderer emotionaler Wert für mich. Da steckten die vermissten 20 %! Aber mir jetzt wieder eine analoge Anlage zulegen, dann noch in entsprechender Qualität, mit allem Drum und Dran? Nicht der Weg des Minimalismus, mit dem ich in letzter Zeit liebäugele.

Der Traum meiner Jugend!

Wie das Leben dann manchmal ganz unvermutet neue Impulse setzt, wurde mir ein vermeintlich gut erhaltener Dual 721 Plattenspieler für einen unmoralisch günstigen Preis angeboten.

Das hat mich getroffen, da war sozusagen eine Mords-Resonanz: Der Dual 721 war mein damals unerreichbarer Jugendtraum, ich muss 14 Jahre alt gewesen sein; und der Verstärker eben dieser Serie von Dual hatte mich auf einer Weihnachtsfeier meiner Eltern erstmalig mit der Faszination Musikwiedergabe entzündet.

Ich habe zugeschlagen, Riesen Glück gehabt, für ganz kleines Geld kam ein perfekt verpackter, wunderschöner Dual Plattenspieler in hervorragendem Zustand. Für mich war das lange der Inbegriff von Präzision, Tradition und sinnvoller Anwendung hoch entwickelter Maschinenbaukunst.

Verstehen Sie mich richtig, ich weiß das Teilchen schon einzuordnen, der Dual ist sicher nicht die aktuelle Spitze, bestimmt auch nicht als ein 40 Jahre alter Apparat. Aber das hat mir quasi erlaubt, Minimalismus, oder Bescheidenheit auf eine andere Art zu gestalten. Mein alter Traum! Das war irgendwie cool. Und Platten damit digitalisieren geht bestimmt auch. Mehr brauch ich nicht. Dachte ich.

Schnell waren der Verstärker und Tuner der passenden Serie für kleines Geld ersteigert.

Ein guter Freund hat die Anlage mit zwei italienischen Chario Lautsprechern ergänzt, mit Ständern geliefert, seine beigefügten LS-Kabel sind der Hit!

Das war ein Volltreffer. Die Lautsprecher passen so gut zum Verstärker, zum Raum, akustisch wie optisch, und es sind echte Perlen, Werkzeuge. Ich bin wieder im HiFi Himmel angekommen, Freude und Genuss pur. Danke Harald, aufn Punkt. Top! Lebensqualität!

Ordentliches Signalkabel an den Plattenspieler gebaut. Filzmatte. Wieder Welten, die sich geöffnet haben. Insgesamt schon eine echt anständig klingende Anlage, macht richtig Spaß, mehr brauch ich nicht. Dachte ich.

Also Highend Highend lassen, Tischchen von IKEA für den Dual, ging beim LP 12 anno dazumal ja auch hervorragend, schön hinstellen, schön zufrieden sein. Kann man auch, die Dual-Chario Anlage spielt mitreißend Musik, das Analoge hat mich wieder.

Nur das IKEA Tischchen will nicht so recht zum Dual passen, vorher, auf dem soliden Regal, klang der Player kompakter, schneller, frecher und frischer. Da geht bestimmt noch mehr …

Aber lassen wir das Gotteshaus mal in der Gemeinde, dies ist im Wesentlichen eine 40 Jahre alte Anlage, es wäre vermessen, die jetzt mit meiner früheren HighEnd-Anlage vergleichen zu wollen.

Und was die Duals/Chario mir nun an Verzauberung und Emotion liefern reicht mir für sehr hochwertiges Hören. Diese schöne Ruhe in der analogen Wiedergabe, die mich ja erst wieder in das Thema gebracht hat, ist voll und ganz vorhanden. Wir üben uns in Bescheidenheit und sind damit zufrieden. Dachte ich.

Im Laufe der Zeit habe ich vielfältige Experimente und Verbesserungen vorgenommen und erstaunliches bewegt. So hat mich das Thema HiFi wieder eingenommen, allerdings in einer besonderen Form: Mich reizt es ungemein, mit schlichtem Material durch Optimierung den Zugang zur Musik zu erweitern; mit teuren HighEnd Komponenten ist das kein Problem, aber es reizt mich eben, die Bedingungen von Komponenten im Betrieb so zu optimieren, dass sie ihr Potential voll ausspielen können. Und Sie würden stauen, wie viel in – sagen wir: unscheinbaren – Komponenten steckt, wenn sie so dürfen, wie sie könnten …

Letztlich zählt für mich nur, was das Fenster zu den Emotionen der Musik erweitert.

Und so habe ich nun ein neues Hobby: Audiowiedergabe so zu optimieren, dass die einzelnen Bausteine optimale Arbeitsbedingungen vorfinden und dadurch das Potenzial freilegen, was in ihnen steckt …

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